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#1 "Entoptic Art" - Entoptische Erscheinungen als Inspirationsquelle in der zeitgenössischen bildenden Kunst von Floco 05.09.2007 11:25

Hallo zusammen

Während die moderne westliche Schulmedizin entoptische Erscheinungen wie Mouches volantes, Nachbilder, Sternchen z.a. auf physiologische Vorgänge reduziert und ihnen damit keinerlei kulturelle und spirituelle Bedeutung beimisst, haben Künstlerinnen und Künstler ein viel kreativeres und produktiveres Verhältnis zu dem, was stets da ist, obwohl wir es häufig nicht sehen – und nach gängigen Idealen auch keinen Anreiz haben sollten, es anzuschauen. Dies liegt in der Natur von entoptischen Erscheinungen. Sie gehen Hand in Hand mit einer Kunst, die alternative Perspektiven und Wahrnehmungen vermitteln will. Ein Überblick über bildende Künstler, die sich durch entoptische Phänomene inspirieren liessen.

Als moderne Kunstrichtung wurde die Darstellung von entoptischen Phänomenen erst vor kurzem als solche erfasst. Zwar weiss man seit längerer Zeit, dass einzelne dieser Erscheinungen auf Künstler inspirierend wirken können. Doch erst die Norwegerin Jorunn Monrad (http://www.entopticart.com/) spricht in einem Artikel von 2003 von „entoptischer Kunst“ und weist damit auf das inspirierende Potenzial von allen inneren Phänomene hin, die keine Visionen oder Halluzinationen sind.

Um festzustellen ob ein Künstler „entoptic art“ betreibt, geht Monrad von Studien aus, die auf Arbeiten von Physiologen, Psychologen und Neurologen aus der ersten Hälfte des 20. Jh. basieren; diese untersuchten die Natur entoptischer Erscheinungen und legten dabei eine Reihe von Grundformen fest, die für solche Wahrnehmungen charakteristisch sind.

Diese Definition hat allerdings den Haken, dass die Wissenschaft hier nur auf diejenigen Erscheinungen fokussiert, die als durch das Nervensystem erzeugt gelten. Damit sind phosphenes (Phosphene, z.B. Nachbilder, Sternchen) und form constants (geometrische Muster wie Punkte, Linien, Zickzacklinien, Gitter, Spiralen etc.) abgedeckt, nicht aber die weit verbreiteten Mouches volantes, die seit dem Physiologen Purkinje im 19. Jh. als „Glaskörpertrübung“ definiert werden, und die, wie einige der folgenden Bilder zeigen, in jedem Fall dazu gehören.

Floco
#2 Re: "Entoptic Art" - Entoptische Erscheinungen als Inspirationsquelle in der zeitgenössischen bildenden Kunst von Floco 05.09.2007 11:26


Maurizio Russo: Nr. 14 der „Sommets Series“ (Tinte auf Papier)

Dieses Bild des italienischen Landschaftsarchitekten und Künstlers Maurizio Russo zeigt uns eine Serie von Kugeln und Fäden, die Russo selbst als MV bezeichnet, wie er mir in einem persönlichen Gespräch mitgeteilt hat. Diese schweben vor einem rosa-getönten Hintergrund, der in Farbe und Form verschiedene Assoziationen hervorruft: Sehen wir auf diesem Bild eine Rose mit geschlossenen Blütenblättern? Wird hier eine sexuelle Vereinigung dargestellt? Soll hier überhaupt das Spiel der Gegensätze zelebriert werden? Kontraste finden sich in der Zweiteilung des Hintergrundes in einen rechten unteren und einen linken oberen Teil, sowie in der spannungsvollen Gegenüberstellung der lebendigen Beliebigkeit und Wandelbarkeit des Hintergrunds mit der gesetzten Eindeutigkeit der Punkte und Fäden.
#3 Re[2]: "Entoptic Art" - Entoptische Erscheinungen als Inspirationsquelle in der zeitgenössischen bildenden Kunst von Floco 05.09.2007 11:28


Petra Lemmerz, aus der Serie Entoptik, 1996, 63 x 226 cm.

Die in Karlsruhe geborene Malerin Petra Lemmerz hat sich in zwei Serien mit entoptischen Phänomenen befasst: In ihrer Serie „Nachbilder“ (1994, Kunsthaus in Essen), sowie in der von Goethes „Entoptische Farben“ inspirierten Serie „Entoptik“ (1996, Neue Galerie im Höhmann-Haus in Augsburg).

Thomas Elsen schreibt im Vorwort zum Band, das Lemmerz’ „Entoptik“ in Augsburg begleitet: „Die Bilder von Petra Lemmerz hinterlassen eine rätselhaft-flüchtige, jedoch latent mitschwingende Ahnung vom Vorgang ihres faktischen Entstehens, ohne dass dieser zunächst enger eingekreist werden könnte. Sie sind zur gleichen Zeit Verdichtungen wie auch Verflüchtigungen der in ihnen gebundenen Farbmaterie. Zwischen diesen Polen schwingend rufen sie das Verlangen nach kontemplativer Betrachtung ebenso unmittelbar hervor, wie auf der anderen Seite die Neugier nach den Grundlegungen ihrer künstlerischen Motivation ins Blickfeld rückt.“ Schnittpunkt von Kontemplation, Motivation und Technik sind die entoptischen Phänomene, die nicht nur den Inhalt der „Entoptik“-Serie prägen, sondern auch die Prinzipien und Techniken von Lemmerz’ Malerei umreissen: „Das Auge nimmt die eigentümlichen Oberflächen der entoptischen Bilder in aller Regel zunächst nur als verschwommene Kontinuen wahr, bevor sich tatsächlich vorhandene, malerisch erzeugte Oberflächenstrukturen langsam herausbilden.“ So entstanden die „Entoptik“-Bilder zunächst ohne Spachtel, Rolle oder Pinsel, sondern durch die Lenkung von flüssiger Farbe auf Leinwänden, die auf dem Boden liegen. In mehreren Arbeitsschritten wurde die Farbe auf eine immer subtilere Weise verteilt und baute so eine feine Netzstruktur auf. Das Resultat sind Bilder, die an entoptische Erscheinungen erinnern, wie sie sich bei geschlossenen Augen der Sonne zugewandt zu bilden beginnen.
#4 Re[3]: "Entoptic Art" - Entoptische Erscheinungen als Inspirationsquelle in der zeitgenössischen bildenden Kunst von Floco 05.09.2007 11:29


Ross Bleckner, O Room, 2001, Öl auf Leinwand, 108 x 72 inches.

Der New Yorker Ross Bleckner ist von der Op-Kunst der 1960er Jahre beeinflusst. Als diese in den 1980er Jahre ihr erster Comeback feierte, gehörte Bleckner zu ihren Führergestalten und zugleich zu ihren grössten Kritikern. Er begann auch gegenständliche Motive (Schleifen, Rosetten, Pflanzenformen) in sein Schaffen zu integrieren, um gegen den Absolutheitsanspruch abstrakter Kunst zu protestieren. Im weiteren Verlauf setzte er sich mit der Kunstgeschichte der Postmoderne auseinander, so dass seine Werke verschiedene Stile, von Op bis zum Neo-Expressionismus, aufweisen. Wie viele seiner Werke thematisiert auch das gezeigte Bild eine Welt voller leuchtender Kugeln, die sowohl in ihrem konzentrierten Zustand (ohne Kern) wie auch in ihrem entspannten Zustand (mit Doppelmembran bzw. Kern) an Mouches volantes erinnern.
#5 Re[4]: "Entoptic Art" - Entoptische Erscheinungen als Inspirationsquelle in der zeitgenössischen bildenden Kunst von Floco 05.09.2007 11:31


Christi, To be continued, Gouache und Tinte auf Papier, 2006. Das Bild zeigt eine grosse Leuchtkugel zwischen einem Auszug aus dem dritten Kapitel von „Mouches Volantes. Die Leuchtstruktur des Bewusstseins.“

Christi ist gebürtige Amerikanerin, die in der Schweiz lebt. Ihre künstlerische Tätigkeit mit entoptischen Erscheinungen beschreibt sie folgendermassen:
„Ich betrachte meine Malerei als eine Erweiterung meiner Meditation und Yoga-Praxis; sie widerspiegeln meine kontemplative Einstellung gegenüber der Welt. Diese abstrakten Skizzen sind Nachbildungen und Erweiterungen von Eindrücken spontaner Farben und Bewegungen, die ich während der Praxis von Mouches volantes, Zazen, Osho und Kundalini Tantra Meditation erfahren habe. Die Kombination von Kunst und Meditation ist eine tiefere Erforschung dieser Bewegungen, die innerhalb von mir selbst stattfinden, ein kreativer Prozess um das Ungesehene und Unmanifestierte zu manifestieren und auszudrücken.
Die Zeichnungen sind schnelle spontane Wiedergaben mit Hilfe von Gouache und Tinte.“
#6 Re[5]: "Entoptic Art" - Entoptische Erscheinungen als Inspirationsquelle in der zeitgenössischen bildenden Kunst von Floco 05.09.2007 11:32


Tom Moody, Jump, 1997, Fotokopien und Leinwandstreifen, 88 x 78 inches.

Moody’s PC-basierte Kunst beschäftigt sich mit dem Dialog zwischen Abstraktion und Repräsentation. Der Künstler verzichtet bewusst auf üppige Hard- und Software und zieht dagegen einfache Zeichenprogramme wie Paintbrush vor. Anhand der Veränderung von Frauengesichtern, die in gedruckten Werbeanzeigen erscheinen, erkundet er die oberflächlichen und formalen Qualitäten des Schönheitsideals – was ihm zuweilen als Folie für seine abstrakteren Werke dient, wie das oben stehende Bild.
#7 Re[6]: "Entoptic Art" - Entoptische Erscheinungen als Inspirationsquelle in der zeitgenössischen bildenden Kunst von Floco 05.09.2007 11:36


Alfred Dam, Aus der Serie „Inbetween Heaven and Earth“, 1999 (170 x 153 cm)

Für den in Bern lebenden Kunstmaler Alfred Dam sind die Phänomene der natürlichen Umgebung Vorlage und Inspirationsquelle. Der entspannte Blick in den Himmel hat ihn zu den entoptischen Phänomenen geführt, zunächst zur Beobachtung von Nachbildern, dann zum Studium der aufleuchtenden Sternchen. Dam, von Wilhelm Reichs Orgon-Theorie inspiriert, interpretierte diese in gewundenen Bahnen bewegenden Leuchtkügelchen als Ionen (elektrisch geladene Teilchen) bzw. als elektrische Entladungen. Schon bald fasste er sie als optisch sichtbarer Ausdruck für den „kosmischen Tanz“ auf, die ewige Bewegung, die im Grossen wie im Kleinen stattfindet. Die Beobachtung der Sternchen führte Dam nicht nur zu einer Reihe von Erkenntnissen über die Natur des Phänomens, z.B. intensiviert sich die Zahl, Geschwindigkeit und Leuchtkraft der Kügelchen bei gewittriger Wetterlage; sondern er erlebt die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf die Sternchen auch als Meditation fördernder Vorgang, bzw. das spontane Auftreten von Sternchen als erhabenes und nicht durch Gedanken getrübtes Glücksgefühl.
Der Künstler hat seine Erlebnisse und Beobachtungen in den Serien „Cosmic Dance“, „Colour Space“ und „Inbetween Heaven and Earth“ verarbeitet; das oben stehende Bild ist ein Beispiel davon.
#8 Re[7]: "Entoptic Art" - Entoptische Erscheinungen als Inspirationsquelle in der zeitgenössischen bildenden Kunst von Floco 05.09.2007 11:38


Jorunn Monrad, Temperamalerei, 1997

Die norwegische Künstlerin bezeichnet ihre Kunst als entoptisch: „My work has become progressively entoptic as I strove to recreate the impression of patterns I envisioned while watching woodwork or clouds as a child.“ Ihre Bilder eignen sich als Meditationsobjekt. Die bilddeckenden Muster sind durch natürliche Vorlagen wie Holzmaserung und Wolkenmuster inspiriert und ähneln entoptischen geometrischen Strukturen, die in erweiterten Bewusstseinszuständen beobachtet werden können. Sie geben ihre Geheimnisse erst bei längerer Betrachtung preis. So beginnen ihre Muster zu leben, nicht nur durch die Entdeckung eidechsenartiger Tierchen, aus denen Monrads Universum besteht; die geschickte Farbkombination erzeugt bei längerer Betrachtung Farbkontraste, die den Urtierchen Leben einzuhauchen scheinen.
#9 Re: "Entoptic Art" - Entoptische Erscheinungen als Inspirationsquelle in der zeitgenössischen bildenden Kunst von Floco 28.11.2007 18:39


Salvador Dalí: Sphärische Galatea, 1952, Öl auf Leinwand, 65 x 54 cm

Der Surrealismus des 20. Jh. ist eine Kunstrichtung, die die Erscheinungen des Alltags mit Aspekten einer „überwirklichen“, träumerischen oder halluzinatorischen Wirklichkeit verbindet und verfremdet. Durch die Psychoanalyse inspiriert, besteht die surrealistische Wirklichkeitsauffassung aus einem unbewussten Bildervorrat, den der Künstler teils mittels Trance und Hypnose in einer „freien Assoziation“ freizusetzen versuchte. Dies förderte in manchen Fällen die Beschäftigung mit entoptischen Phänomenen, wie die Kunsthistorikerin Ana Iribas feststellte. So zum Beispiel bei Salvador Dalí (1904-1989), einem der originellsten und skurrilsten Vertreter des Surrealismus. Seine anmutende „sphärische Galatea“ setzt sich aus einer Vielzahl von Kugeln zusammen. Diese Kugeln schweben, wie die Kugeln der Leuchtstruktur, teils lose und ohne erkennbare Ordnung, teils reihen sie sich nach einem festen und intuitiv erkennbaren Muster an. Durch die Anordnung hin auf einen Fluchtpunkt (an Galateas rechtem Mundwinkel) wird die Tiefendimension des Gebildes erkennbar, die jedoch kaum einen Einfluss auf das Gesicht hat. Dieses scheint sich eher an der Oberfläche der Struktur zu bilden, fest und flüchtig zugleich. Dalí drückt damit aus, was auch eine ekstatische Betrachtung der Mouches volantes erkenntlich macht: Dass unsere wahrnehmbare Welt nur scheinbar Substanz hat, dass wir meistens bloss auf die Oberfläche der Dinge blicken, dass die zugrundeliegende Realität aus bewegten Kugeln besteht, und dass die Flüchtigkeit der materiellen Erscheinungen erkennbar wird, je mehr wir uns auf die Kugeln dieser Struktur konzentrieren.
#10 Re: "Entoptic Art" - Entoptische Erscheinungen als Inspirationsquelle in der zeitgenössischen bildenden Kunst von Floco 19.03.2009 18:00


Leuchtkugel von Sharonrose

Bereits vor einem Jahr hat die Leserin Sharonrose ihre eigene Leuchtkugel gebastelt. Im Innern befindet sich eine Lichterkette, die an den langen dunklen Abenden der kalten Jahreszeit ein wunderschönes warmes Licht erzeugt. Ob sich Sharonrose dabei bewusst oder unbewusst von Mouches volantes inspirieren liess, hat sie nicht geschrieben. Interessant ist es jedoch schon, wie hier das Prinzip dieser Kugel dem Prinzip verschiedener Philosophien wie etwa dem chinesischen Hua-yen-Buddhismus (siehe newsoktober2008 ), einschliesslich dem Weg in der Leuchtstruktur entspricht: Die einzelnen „Leuchtkugeln“ im inneren, die unsere Welt beleuchten, sind in einem Netzwerk miteinander verbunden. Zugleich sind sie die Lichtquelle einer einzigen Kugel, die die Gesamtheit allen Existierenden ist. Jeder leuchtende Kugel im Innern ist somit Abbild des Ganzen als auch Teil der grossen einen Kugel, des Ganzen.

#11 Re: "Entoptic Art" - Entoptische Erscheinungen als Inspirationsquelle in der zeitgenössischen bildenden Kunst von Floco 19.03.2009 18:03


„Einige Kreise“, 1926, Öl auf Leinwand (140,3 x 140,7 cm).

Der russische Maler, Grafiker und Kunsttheoretiker Wassily Kandinsky (1866-1944) gilt als Begründer der abstrakten Kunst. Vom Impressionismus Monets aufgerüttelt, experimentierte er zu Beginn des 20. Jh., einer Zeit zunehmender Unsicherheiten und Krisen, mit expressionistischen Malweisen. Dabei emanzipierten sich Farbe und Form zunehmend vom Gegenstand und erhielten eine Eigenbedeutung. In den 1920er Jahren gipfelte diese Entwicklung in der geometrischen bzw. mathematischen Abstraktion – Kandinsky löste sich von jedem Gegenstand. Zwar war sein „Erstes abstraktes Aquarell“ (1910) nicht das erste abstrakte Werk; Kandinsky aber realisierte ein durchdachtes Programm der abstrakten Kunst und begründete sie theoretisch in seiner Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ (München 1912). Hier macht er deutlich, dass die Kunst nicht die Aufgabe hat, die Wirklichkeit abzubilden, sondern der „inneren Notwendigkeit“ Raum zu geben, dieses „Innerliche“ zu vermitteln und die „Epoche des grossen Geistigen“ herbeizuführen. Geist sollte die Materie überwinden, wie die Form den Inhalt; erst in der gegenstandslosen Malerei hoffte der von der Theosophie beeinflusste Kandinsky die reine Form, die reine Farbe und damit den Zugang zum reinen Geist zu finden.

Aber, wie Picasso sagte: „Es gibt keine abstrakte Kunst, man muss immer von etwas ausgehen“ – und möglicherweise gehörten hier entoptische Erscheinungen dazu. Wie bereits in dem Newsletter (siehe newsnovember2006.php) erwähnt, kann Kandinsky als Vorreiter der „entoptischen Kunst“ verstanden werden. Der Archäologe David Whitely (Theorie von Felskunst und Phosphenen, siehe newsfebruar2007.htm) und die Kunsthistorikerin Ana Iribas vertreten die Ansicht, dass Kandinsky Kenntnis von entoptischen Erscheinungen hatte und durch die geprägt wurde. Ein weiterer Hinweis ist die synästhetische Fähigkeit von Kandinsky: Synästhesie gehört – wie entoptische Erscheinungen – nachweislich zu den Begleiterscheinungen intensiverer Bewusstseinszustände; hier könnte man argumentieren, dass synästhetisch begabte Menschen auch ausgeprägtere entoptische Wahrnehmungen haben. Zudem ordnete Kandinsky die Farben in Gegensatzpaaren, was durch die Wahrnehmung komplementärfarbener Nachbilder inspiriert sein könnte.

So könnte dem obigen Bild hinter aller Bedeutung, die Kandinsky in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre dem Kreis als Synthese des Konzentrischen und Exzentrischen zusprach, und jenseits aller Klangfarbentheorie, die das Bild als das Aufflackern desintegrierter Orchesterklänge in einer spannungsgeladenen grossen Pause übersetzt – dem obigen Bild also könnte eine simple, aber eindrückliche entoptische Erfahrung zugrunde liegen: Die Wahrnehmung von Phosphenen oder Nachbildern. Als entoptische Erscheinungen verkörpern sie jedenfalls wie kaum eine andere Erscheinung die Ideale der abstrakten Kunst Kandinskys: Form ohne Inhalt, und die Überwindung der Materie.

#12 Re: "Entoptic Art" - Entoptische Erscheinungen als Inspirationsquelle in der zeitgenössischen bildenden Kunst von Floco 18.07.2009 11:32



Entoptisches Erlebnis: Künstlervideo „Parks on Fire“ von Scott Pagano. Quelle:

Die untenstehenden Links führen zur Seite des Designer und Filmemacher Scott Pagano, dessen Arbeiten eine „neu vorgestellte Perspektive über die grafischen Schichten thematisieren, die unsere visuelle Wahrnehmung durchdringen“. Dass diese „grafischen Schichten“ offenbar durch entoptische Erscheinungen inspiriert sein könnten, zeigt der Videoclip „Parks on Fire“. Das Video ist eine tolle visuelle Erfahrung, einfach mal anschauen …


Links
http://www.neither-field.com/ (25.5.09)
http://www.neither-field.com/video/Parks_on_Fire.zip (direkter Download, 25.5.09)

#13 Re: "Entoptic Art" - Entoptische Erscheinungen als Inspirationsquelle in der zeitgenössischen bildenden Kunst von Floco 03.08.2009 13:36


„Away from you people“. Fliegende Mücke in „Family Guy“. Quelle: http://www.flickr.com/photos/karenish/3310205824/

Ok, es ist zwar nicht "entoptic art" oder zeitgenössische bildende Kunst im engeren Sinn, gehört aber als Teil der populären Kultur durchaus auch hierher.

Family Guy ist eine us-amerikanische Comedy-Zeichentrickserie, die sich um das alltägliche Leben der Mittelstandsfamilie Griffin und ihren Nachbarn dreht. Die Serie zeichnet sich durch ihren vielschichtigen und nicht selten gewagten Humor sowie die Überzeichnung von Alltagsproblemen aus. Oft werden humoristische Zwischensequenzen oder Rückblenden eingespielt, die teilweise Prominente oder Fernsehserien parodieren.

Ein solcher Kurz-Gag findet sich in der Folge „Ocean’s three and a half“ (7. Folge der 7. Staffel), die am 15.2.2009 auf dem US-Sender FOX ausgestrahlt wurde. In dieser Folge gebiert Joe Swansons Frau Bonny eine Tochter. Um die Spitalkosten bezahlen zu können übt Joe verschiedene Gelegenheitsjobs aus, unter anderem als Kellner im „Drunken Clam“. Als Peter und seine Freunde Joe im „Clam“ beim Arbeiten antreffen, gibt ihm Peter den Rat, sich eher mit einem Kredithai einzulassen als weiterhin im Clam zu kellnern. Denn würde er noch länger hier arbeiten, würde er sich sehr bald kleiner fühlen als Peters Mouches volantes („eye floaters“). In diesem Moment erscheint Peter ein Mouches volantes-Faden, personalisiert mit Gesicht. Peter versucht ihn zu fokussieren, die Kameraeinstellung übernimmt seine Perspektive. Peter beginnt eine Konversation mit seinem Faden:

Peter: “Hey eye floater.“
MV: “Hi.”
MV driftet nach rechts.
Peter: “Hey! Hey, where you're going?”
MV: “Away from you, people.”
Peter: “Well, maybe I'll look over here.”
MV schnellt mit dem Blick nach links, driftet dann aber weiter nach links weg.
MV: „I'll go over here.“
Peter: “You've got an answer for everything, don't you?”

So kurz der Gag, so simpel die Botschaft: MV sind kleine sprechende Plaggeister, deren Meisterschaft im dauernden Weggehen sie zu regelrechten Klugscheissern macht. Oder alternativ: Der Durchschnittsamerikaner hat die Fähigkeit, mit seinen MV zu sprechen und sie zu verstehen, bei gleichzeitiger Unfähigkeit, sie festzuhalten und anzuschauen …


Diese Bilder findet ihr auch in der Galerie sowie im Forum, wo sie zur Diskussion stehen. Ihr habt eigene Zeichnungen von Mouches volantes oder anderen entoptischen Phänomenen (Sternchen/Kreiselwellen, Nachbilder)? Oder ihr wisst von realistischen, künstlerischen und religiösen Darstellungen solcher Erscheinungen? Dann sendet mir das Bild oder gebt mir den Tipp, ich würde es gerne im Newsletter, in der Galerie und im Forum veröffentlichen.


Links:

Der Floater-Gag aus „Family Guy“
http://www.youtube.com/watch?v=YBZOCLM9vB8
http://de.wikipedia.org/wiki/Family_Guy

#14 Re: "Entoptic Art" - Entoptische Erscheinungen als Inspirationsquelle in der zeitgenössischen bildenden Kunst von Floco 19.02.2010 11:57


Sunflowers Figure and Bird. Lightjet Plexi face-mount, 22.5“ x 30“, 2006

Der Texaner und Fotokünstler William Hundley mag drei Dinge: Sprünge, Tücher und Cheeseburger. Alle drei fotografiert er. Die Cheeseburger tun hier nichts zur Sache. Die Sprünge hingegen schon: Streetjumps, Summer Love Street Jumps, Buffed Jumps – Sprünge von Menschen vor allen möglichen Hintergründen fotografiert der Künstler massenweise. Hundley mag es auch, Menschen hinter Dingen zu verstecken. Hinter Tüchern zum Beispiel. Und wenn die Menschen in Tüchern jetzt noch springen – dann ergibt dies eine Fotoreihe namens „Entoptic Phenomena“, die vom 19.9. bis 14.11.2009 in der Galerie Hunchentoot in Berlin ausgestellt war.

Die Bilder stammen aus verschiedenen Werkgruppen der „Floating Fabric Series“ des Künstlers; diese Bilder werden von Hundley unter unterschiedlichen Sujets behandelt, das Thema der „Entoptic Phenomena“ ist nur eine von mehreren Bezugnahmen. Der Künstler vermag damit die Dynamik und Surrealität der Wahrnehmung auszudrücken: die fliegenden Objekte, die nie das eigentliche Objekt des Bildes sind, fungieren als teils irritierende, teils humorvolle Ablenkung der Alltagswahrnehmung und des „wirklich Wirklichen“ im Bild. Ihre bewusste Wahrnehmung gibt Zugang zu einer anderen, sicher unsicheren Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die sich uns zwar in oft grotesker Deutlichkeit zeigt, an deren Legitimität wir aber vor dem Hintergrund einer wohl geordneten Wahrnehmung nur zweifeln können – wenn wir unsere Wohligkeit nicht gefährden wollen. Entoptische Phänomene halt …


Links:

- Hundley, William. (2006). Entoptic Phenomena.
http://www.williamhundley.com (6.2.10)

- n/a. (2009). Entoptic Phenomena. (Hunchentoot. Galerie für zeitgenössische Positionen).
http://www.galerie-hunchentoot.de (7.2.10)

#15 Re[2]: "Entoptic Art" - Entoptische Erscheinungen als Inspirationsquelle in der zeitgenössischen bildenden Kunst von Moe 02.05.2010 11:55

Floco>„Away from you people“. Fliegende Mücke in „Family Guy“.

Hallo Floco,

vielen Dank für den Verweis auf die Family-Guy-Szene! Ich hatte sie vor einiger Zeit mal gesehen und bin konkret auf der Suche danach auf dieser Seite gelandet.
Und deshalb nur ein kleiner Hinweis: Der kleine MV in Peters Auge sagt nicht "away from you, people", sondern "away from your pupil", also "weg von deiner Pupille". Genau damit bezieht er sich ja auf das Phänomen, dass die MV schlecht zu fixieren sind - was die Szene, finde ich, noch ein wenig lustiger macht.

Dies nur am Rande, viele Grüße
Moe
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